Wenn man „Chemo“ hört, denkt man direkt an Haarausfall. Das war bei mir zumindest so. Für mich war es der Horror meine langen Haare zu verlieren. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass sie ausfallen würden und ich irgendwann mit einer Glatze da sitzen sollte. Für mich war es ganz schlimm und ich hatte die Vorstellung, dass, wenn es soweit ist, ich weinend im Bad auf der Toilette sitze.

Ich habe deshalb bei der 1. Chemo die Kühlhaube ausprobiert. Doch meine Chemo dauert 6 Stunden und das war zu viel Kälte für mich. Nach 3 Stunden hatte ich Kopfschmerzen und meine Ohren taten weh. Da ich noch 3 Stunden vor mir hatte, entschied ich mich dagegen, es weiter zu versuchen. Das waren mir die Schmerzen und das Risiko auch noch Krebs auf dem Kopf zu bekommen nicht wert.

Ich hatte Glück. Da ich viele und sehr dicke Haare hatte, hat es einige Wochen gedauert bis es mit dem Haarausfall anfing. Doch auch bei mir kam irgendwann der Moment. Es waren immer nur ein paar wenige Haare, nach und nach konnte ich die Haare einfach herausziehen. Das war ein ganz komisches Gefühl für mich. Immer wenn ich unterwegs war oder mit den Haaren etwas berührt habe, hatte ich Angst, dass die Haare ausfallen. Dass man auf einmal ein Loch an meinem Kopf sieht oder ich morgens aufwache und meine Haare im Kissen liegen.

Diese ständige Angst hat mich irgendwann verrückt gemacht. An einem sonnigen Sonntag lag ich auf dem Balkon, schaute mir die Wolken an und überlegte, was ich nun machen soll wegen den Haaren. Ich konnte und wollte mit dieser Angst nicht mehr leben. Nach 2 Stunden überlegen, hatte ich mich entschieden. Die Haare mussten ab. Ich wollte wieder die Macht über meinen Körper haben und mich frei fühlen. Ich wollte mit dieser Ungewissheit „wann fallen die Haare nun aus“ nicht weiter machen.

Als ich vom Brustkrebs erfahren hatte und der erste Schock sich gelegt hatte, haben mein Freund und ich beschlossen diese Situation so positiv wie möglich und mit viel Humor zu überstehen. Daran hatte ich mich in dem Moment auf dem Balkon erinnert und mir gedacht „Jetzt ist der richtige Augenblick, mehr Spaß in diese traurige Situation zu bringen“.

Also habe ich meinen Freund gebeten mir die Haare zu schneiden. Statt alles auf einmal abzuschneiden, haben wir meine Haare etappenweise gekürzt. Erst haben wir „nur“ die Länge um 10 cm gekürzt. Dann wurden wir kreativer und haben z. B. auch einen Undercut ausprobiert. Immer ein bisschen mehr. So hatte ich die einmalige Gelegenheit 6 Haarschnitte an einem Tag zu tragen. Nach jeder Frisur haben wir ein Foto gemacht. Und das TOLLE daran: es hat Spaß gemacht. Wann hat man schon die Gelegenheit so viele Frisuren auf einmal auszuprobieren? Für kein Geld der Welt hätte ich das sonst gemacht. Dafür habe ich meine langen Haare zu sehr geliebt.

Es war schön, diese Erfahrung mit meinem Freund zu teilen und zu sehen, dass mir auch kurze Haare stehen. Das hat mich für die Zeit nach der Chemo entspannt.

Immer wenn ich jetzt an diese Situation denke und mir die Collage anschaue, muss ich einfach nur grinsen. Es war eine tolle Erfahrung. Und das schönste für mich ist, dass ich aus einer eigentlich negativen Erfahrung etwas für mich tolles gemacht habe. Das war ein schöner Schmetterlings-Moment.

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